Die Abnehmer
Einer nimmt uns das Denken ab
Es genügt seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken
Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte erhalten Preise
und werden häufig zitiert
Einer nimmt uns die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder
Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben nehmen sie uns dann ab

Dann wieder
Was keiner geglaubt haben wird
was keiner gewußt haben konnte
was keiner geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner gewollt haben wollte

Du liebe Zeit
Da habe ich einen gehört
wie er seufzte: "Du liebe Zeit!"
Was heißt da "Du liebe Zeit"?
"Du unliebe Zeit", muß es heißen
"Du ungeliebte Zeit!"
von dieser Unzeit, in der wir
leben müssen. Und doch
Sie ist unsere einzige Zeit
Unsere Lebenszeit
Und wenn wir das Leben lieben
können wir nicht ganz lieblos
gegen diese unsere Zeit sein
Wir müssen sie ja nicht genau so
lassen, wie sie uns traf

Fragen
Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft hast du ein neues begonnen?
Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?
Woran erkanntest du
daß du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal wie das zweite?
Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
von wem?

Herrschaftsfreiheit
Zu sagen
"Hier
herrscht Freiheit"
ist immer
ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht

Humorlos
Die Jungen
werfen
zum Spaß
mit Steinen
nach Fröschen
Die Frösche
sterben
im Ernst

Status quo
zur Zeit des Wettrüstens
Wer will
daß die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
daß sie bleibt

Verewigung
Zum Versteinern stehen die Leute Schlange
Wer an die Reihe kommt steigt auf das Trittbrett
Er wirft sein Geldstück ein
und wählt Gesteinsart und Farbe
Er selbst betätigt den Hebel
und hört noch ein leises Zischen
Dann wälzen ihn zwei Gehilfen
in die Allee
Oder man stellt ihn zu Haus auf
im Kreis der Familie
JEDER SEIN EIGENES DENKMAL
liest man im Schlangestehen
Manche stehen so stramm
als wäre es gar nicht mehr nötig

Antwort
Zu den Steinen hat einer gesagt:
seid menschlich
Die Steine haben gesagt:
Wir sind noch nicht hart genug

Der Richter
Am Tag,
an dem ich nicht mehr zweifeln muß
an meinem Glauben, Vorsatz und Beschluß
an dem mir alles einfach wird und klar,
an dem ich sicher bin und unfehlbar,
an dem ich lächelnd alten Zweifel schlichte
und mich gerecht weiß und voll Strenge richte den,
der nicht meine wahre Lehre ehrt -
an diesem Tag bin ich zu sterben wert.

Den Herrschenden
Hat es euch Herz und Augen ausgebrannt?
Sind nicht mehr zehn Gerechte in dem Land?
Ihr seid nicht tierisch, denn so schlägt kein Tier.
Keins eurer Opfer ist so tot wie ihr.

Dialog in hundert Jahren
Der eine sagt:
"Wie schön
das gewesen sein muß
als wir noch an Pest
und an Syphilis
an Scharlach
an Lungenschwindsuchtund
an Krebs
an Herzverfettung
und Schlagfluß
verreckten wie Tiere!"
Der andere fragt ihn:
"Sag was waren das, Tiere?

Angst und Zweifel
Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst
aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kenne keine Zweifel

Kleine Frage
Glaubst du
du bist
noch zu klein
um grosse Fragen zu stellen?
Dann kriegen
die Grossen
dich noch klein
bevor du gross genug bist

Gedichte lesen
Wer
von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen
Wer
von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Bedingung
Wenn es Sinn hätte
zu leben
hätte es Sinn
zu leben
Wenn es Sinn hätte
noch zu hoffen
hätte es Sinn
noch zu hoffen
Wenn es Sinn hätte
sterben zu wollen
hätte es Sinn
sterben zu wollen
Fast alles hätte Sinn
wenn es Sinn hätte

Einbürgerung
weiße Hände
rotes Haar
blaue Augen
weiße Steine
rotes Blut
blaue Lippen
weiße Knochen
roter Sand
blauer Himmel

Cogito ergo non sum
Ich liege
auf dem Rücken
und mir zugleich
am Herzen
im Magen
und mit mir selbst
in den Haaren
Ich muß mich also
zuerst gefressen haben
mit Herz und Haaren
um jetzt im Magen
liegen zu können
Tatsächlich fand ich
unter meinen Nachrufen
einen
in dem es heißt:
"Er verzehrte sich
angesichts unserer Welt:"
Daraus erhellt
daß unsere Welt
dabei war
und als Augenzeugin
die Verzehrung
bestätigen kann
Nun wüßte ich gerne
wessen Inhalt
mein Magen jetzt ist
wenn ich
dessen Inhalt er war
jetzt sein Inhalt bin

Weltfremd
Wer denkt
daß die Feindesliebe
unpraktisch ist
der bedenkt nicht
die praktischen
Folgen
der Folgen
des Feindeshasses

Reden
Zu den Menschen
vom Frieden sprechen
und dabei an dich denken
Von der Zukunft sprechen
und dabei an dich denken
Vom Recht auf Leben sprechen
und dabei an dich denken
Von der Angst um Mitmenschen
und dabei an dich denken -
ist das Heuchelei
oder ist das endlich die Wahrheit?

Glücksspiel
Das was man sieht
sieht einen so
daß es einen zum Glück
vielleicht blind macht
für das was man sieht
Das was man liest
liest einen so
daß es einen zum Glück
vielleicht blind macht
für das was man nicht liest
Das was man hält für Glück
das rollt und das stellt
zum Unglück nicht die Frage
zu wessen Glück es
sie nicht gestellt hat

Frau Welt
Ich bin
zur Welt gekommen
und bin nun endlich
so weit
laut zu fragen
wie ich dazukomme
zu ihr zu kommen
Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon im Gehen

Zu guter Letzt
Als Kind wußte ich:
Jeder Schmetterling
den ich rette
jede Schnecke
und jede Spinne
und jede Mücke
jeder Ohrwurm
und jeder Regenwurm
wird kommen und weinen
wenn ich begraben werde
Einmal von mir gerettet
muß keines mehr sterben
Alle werden sie kommen
zu meinem Begräbnis
Als ich dann groß wurde
erkannte ich:
Das ist ein Unsinn
Keines wird kommen
ich überlebe sie alle
Jetzt im Alter
frage ich: Wenn ich sie aber
rette bis ganz zuletzt
kommen vielleicht doch zwei oder drei?

Der Überlebende
nach Auschwitz
Wünscht mir Glück
zu diesem Glück
daß ich lebe
Was ist Leben
nach soviel Tod?
die Schuld der Unschuld?
die Gegenschuld
die wiegt
so schwer
wie die Schuld der Töter
wie ihre Blutschuld
die entschuldigte
die abgewälzte
Wie oft
muß ich sterben
dafür
daß ich dort
nicht gestorben bin?

Alter Schulweg
Auf dieser Straße
wo sie laut drohten
Jahre bevor sie kamen
WARTE NUR
habe ich nicht gewartet
Auf dieser Straße
droht das Vergangene lautlos
Jahre nachdem es verging
WARTE NUR
und ich warte

Wiederholung
Sie sagen noch immer: "schon wieder"
Sie sagen es bis ich verwirrt bin
Schon wieder noch immer schon wieder
Sie sagen schon immer noch wieder
bis ich sage: "Schon wieder noch immer
schon immer noch wieder"
Sie wiederholen noch immer
Sie sagen es bis ich es sage
Sie wiederholen es
Sie wiederholen es bis ich schreie:
"Sie holen sie holen mich wieder"
Sie wiederholen es immer
so lang bis ich nur wiederhole:
"Sie holen mich wieder
Sie holen mich immer wieder
in ihren nie wieder
noch immer schon wieder Krieg"
Sie wiederholen es heute
und morgen und nächstens
Sie lieben die Wiederholung
Sie holen mich nächstens
in ihren nächsten
in ihren lieben
ih ihren nächstenliebenden
Krieg

Leben oder Leben?
Irgendwo
lebt es noch
bis es stirbt
und atmet tief aus und ein
und liebt und spielt und sieht Farben
und arbeitet und ruht aus
und ist traurig und lustig und altert
Irgendwo
lebt es noch
bis es stirbt
Aber hier
in mir
ist soviel
Haß gegen das Sterben
gegen das Sterben
meiner Großmutter und meines Vaters
unter den Händen der Mörder
von gestern
die noch nicht tot sind
und gegen mein Sterben
und gegen
das Sterben meiner Kinder
unter den Händen der Mörder
von morgen
die heute schon leben
daß ich nur gegen dieses Sterben
kämpfe
und nur dieses Sterben
fühle und denke
und daß ich gar nicht mehr lebe
wie irgendwie noch das
was lebt
bis es stirbt

Kleines Beispiel
Auch ungelebtes Leben
geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer
wie eine Batterie
in einer Taschenlampe
die keiner benutzt
Aber das hilft nicht viel:
Wenn man
(sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und sovielen Jahren
anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn du sie aufmachst
findest du nur deine Knochen
und falls du Pech hast
auch diese
schon ganz zerfressen
Da hättest du
genau so gut
leuchten können

Die Warner
Wenn Leute dir sagen:
"Kümmere dich nicht
soviel
um dich selbst"
dann sieh dir
die Leute an
die dir das sagen:
An ihnen kannst du erkennen
wie das ist
wenn einer
sich nicht genug
um sich selbst
gekümmert hat

Die Gleichungen
Ich verlerne
was ich gelernt habe
in der Schule
Zukunft
durch Angst
ist Vergessen
Leben
durch Angst
ist Irrsinn
Vergessen
durch Irrsinn
ist Krieg
Ich weiß noch
das heißt dann
Angst mal Irrsinn ist Leben
Ich weiß auch noch
das heißt
Angst mal Vergessen ist Zukunft
Aber ich weiß nicht
was für eine Zukunft
das ist
Und was ist Angst
mal Angst?
Und was ist dann Friede?
Wir haben als Kinder
doch rechnen gelernt
Wozu?

Was es ist
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Diese Leere
Wie leer ist es
da
wo etwas war
Wo w a s war?
Etwas was nicht mehr da ist
Und ist es nicht mehr da?
Warum nicht?
und wirklich nicht?
Kann es nicht wieder da sein?
Darf es nicht wieder da sein?
Ist deshalb alles so leer?
Wie groß
muß gewesen sein
was da war
daß alles jetzt
wenn es vielleicht nicht da ist
oder vielleicht
nicht mehr da sein wird
so leer ist
daß Leere in Leere
übergeht
oder untergeht
oder ruht?
Müßte Ruhe
nicht eigentlich anders sein
als das
was leer ist
und doch
kalt ist
obwohl das Leere
nicht kalt sein kann
als das
was leer ist
und doch noch brennt
obwohl das Leere
nicht brennen kann
als das was leer ist
und doch
den Hals zuschnürt
obwohl das Leere
den Hals nicht zuschnüren kann
Was ist es also?

Dich
Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist
Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter
Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

Ohne Dich
Nicht nichts ohne dich
aber nicht dasselbe
Nicht nichts ohne dich
aber vielleicht weniger
Nicht nichts
aber weniger und weniger
Vielleicht nicht nichts ohne dich
aber nicht mehr viel

Tagtraum
Ich bin so müde
daß ich
wenn ich durstig bin
mit geschlossenen Augen
die Tasse neige
und trinke
Denn wenn ich die Augen
aufmache
ist sie nicht da
und ich bin zu müde
um zu gehen
und Tee zu kochen
Ich bin so wach
daß ich dich küsse
und streichle
und daß ich dich höre
nach jedem Schluck
zu dir spreche
Und ich bin zu wach
um die Augen zu öffnen
und dich sehen zu wollen
und zu sehen
daß du
nicht da bist

Warum
Nicht du
um der Liebe willen
sondern um deinetwillen
die Liebe
(und auch
um meinetwillen)
nicht
weil ich lieben
muß
sondern weil ich
dich
lieben
muß
Vielleicht
weil ich bin
wie ich bin
aber sicher
weil du
bist
wie du bist

Treue
Es heißt:
Ein gebrochenes Versprechen
ist ein gesprochenes Verbrechen
Aber kann nicht
ein ungebrochenes Versprechen
ein ungesprochenes Verbrechen sein?

Was weh tut
Wenn ich dich
verliere
was tut mir dann weh?
Nicht der Kopf
nicht der Körper
nicht die Arme
und nicht die Beine
Sie sind müde
aber sie tun nicht weh
oder nicht ärger
als das eine Bein immer wehtut
Das Atmen tut nicht weh
Es ist etwas beengt
aber weniger
als von einer Erkältung
Der Rücken tut nicht weh
auch nicht der Magen
die Nieren tun nicht weh
und auch nicht das Herz
Warum
ertrage ich es
dann nicht
dich zu verlieren?

Meine Wahl
Gesetzt ich verliere dich
und habe dann zu entscheiden
ob ich dich noch ein Mal sehe
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst du mir zehnmal mehr Unglück
und zehnmal weniger Glück
Was würde ich wählen?
Ich wäre sinnlos vor Glück
dich wiederzusehen

Später Gedanke
Meiner Unermüdlichkeit
bin ich
auf einmal
so müde
daß mir einfällt
ob du ihrer nicht
schon lange
müde sein mußt.

Strauch mit herzförmigen Blättern
(Tanka nach altjapanischer Art)
Sommerregen warm:
Wenn ein schwerer Tropfen fällt
bebt das ganze Blatt.
So bebt jedes Mal mein Herz
wenn dein Name auf es fällt.

Durcheinander
Sich lieben
in einer Zeit in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben
Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

Dann
Wenn dein Glück
kein Glück mehr ist
dann kann deine Lust
noch Lust sein
und deine Sehnsucht ist noch
deine wirkliche Sehnsucht
Auch deine Liebe
kann noch Liebe sein
beinahe noch glückliche Liebe
und dein Verstehen
kann wachsen
Aber dann will auch
deine Traurigkeit
traurig sein
und deine Gedanken
werden mehr und mehr
deine Gedanken
Du bist dann wieder du
und fast zu sehr bei dir
Deine Würde ist deine Würde
Nur dein Glück
ist kein Glück mehr

Was Ruhe bringt
Ich habe immer geglaubt
was Ruhe bringt
ist da Glück
Aber das Unglück
bringt
viel tiefere Ruhe
Ich wache
als ob ich schliefe
ohne Traum
Ich atme
als ob ich nicht wirklich
atmen müßte
Ich bin müde
als ob ich nur müde wäre
vom Schlafen
Ich soll mich drein fügen
und nicht fragen
warum ich das soll
und ich soll nicht fragen
warum ich nicht fragen soll

Aufhebung
Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so daß man wieder
einatmen kann
Und vielleicht auch sein Unglück sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon
fast wieder
Glück

Kein Unterschlupf
Nicht sich verstecken
vor den Dingen
der Zeit
in die Liebe
Aber auch nicht
vor der Liebe
in die Dinge
der Zeit

Wintergarten
Deinen Briefumschlag
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf
Ich will ihn
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe
Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
die nach dir riechen
Ich hätte das
früher tun sollen
nicht erst
so spät
im Jahr

Aber
Zuerst habe ich mich verliebt
in den Glanz deiner Augen
in dein Lachen
in deine Lebensfreude
Jetzt liebe ich auch dein Weinen
und deine Lebensangst
und die Hilflosigkeit
in deinen Augen
Aber gegen die Angst
will ich dir helfen
denn meine Lebensfreude
ist noch immer der Glanz deiner Augen

Halten
Halten
dich
mich zurück - den Atem an - mich an dich
dich fest aber nicht dir etwas vorenthalten
Halten
dich in den Armen
in Gedanken - im Traum - im Wachen
Dich hochhalten
gegen das Dunkel
des Abends - der Zeit - der Angst
Halten
dein Haar mit zwei Fingern
deine Schultern - dein Knie - deinen Fuß
Sonst nichts mehr halten
keinen Trumpf - keine Reden
keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund

Drei Wünsche
Ich wollte manchmal
ich wäre so erfahren, wie ich alt bin
oder auch nur
so klug, wie ich erfahren bin
oder wenigstens
so glücklich, wie ich klug bin
aber ich glaube
ich bin zu dumm dazu

An Dich denken
An Dich denken
und unglücklich sein?
Wieso?
Denken können
ist doch kein Unglück
und denken können an Dich:
an Dich
wie Du bist
an Dich
wie Du Dich bewegst
an Deine Stimme
an Deine Augen
an Dich
wie es Dich gibt --
wo bleibt da
für wirkliches Unglück
(wie ich es kenne
und wie es mich kennt)
noch der Raum
oder die Enge?

Nachtgedicht
Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit Deiner Decke
(die Dir
von der Schulter
geglitten ist)
daß Du
im Schlaf nicht frierst
Später
wenn Du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und Dich umarmen
und Dich bedecken
mit Küssen
und Dich
entdecken

Trennung
Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
Der dritte Tag war schwerer als der zweite
Von Tag zu Tag schwerer:
Der siebente Tag war so schwer
daß es schien er sei nicht zu ertragen
Nach diesem siebenten Tag sehne ich mich schon zurück

Grenze der Verzweiflung
Ich habe Dich so lieb
daß ich nicht mehr weiß
ob ich Dich so lieb habe
oder ob ich mich fürchte
ob ich mich fürchte zu sehen
was ohne Dich
von meinem Leben
noch am Leben bliebe
Wozu mich noch waschen
wozu noch gesund werden wollen
wozu noch neugierig sein
wozu noch schreiben
wozu noch helfen wollen
wozu aus den Strähnen von Lügen
und Greueln noch Wahrheit ausstrählen
ohne Dich
Vielleicht doch weil es Dich gibt
und weil es noch Menschen
wie Du geben wird
und das auch ohne mich

Aber wieder
Aber
du bist wiedergekommen
Du
bist wieder
gekommen
Du
du bist
du bist wieder
Ich bin wieder
weil du bist
Du bist gekommen
du wieder
und immer wieder
wieder du
Du
du
du und ich
immer wieder
und wieder

Eifriger Frost
Meine Sonne
ist scheinen gegangen
in deinem
Himmel
Mir bleibt
der Mond
den ruf ich
aus allen Wolken
Er will mich trösten
Sein Licht
sei wärmer
und heller
Nicht gelb verfärbt
daß man nur noch denkt
ans Erkalten
Sonne komm wieder!
Der Mond ist
zu hell und
zu heiß für mich!

Fester Vorsatz
Denn wir wollen uns
nicht nur herzen
sondern auch munden
und hauten und haaren
und armen und brüsten
und bauchen und geschlechten
und wieder handen und fußen

Ungewiß
Aus dem Leben
bin ich
in die Gedichte gegangen
Aus den Gedichten
bin ich
ins Leben gegangen
Welcher Weg
wird am Ende
besser gewesen sein?

Das Herz in Wirklichkeit
Das Herz
das gesagt hat
"Laß dir nicht bang sein um mich"
friert
und ist bang um die
der es das
gesagt hat

Ein Versuch
Ich habe versucht
zu versuchen
während ich arbeiten muß
an meine Arbeit zu denken
und nicht an dich
Und ich bin glücklich
daß der Versuch
nicht geglückt ist.

An eine Nervensäge
Mit deinen Problemen
heißt es
bist du
eine Nervensäge
Ich liebe die Spitze
und Schneide
von jedem Zahn
dieser Säge
und ihr blankes Sägeblatt
und auch ihren runden Griff

Vielleicht
Erinnern
das ist
vielleicht
die qualvollste Art
des Vergessens
und vielleicht
die freundlichste Art
der Linderung dieser Qual

Nur nicht
Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte
Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung
Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet
Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Fragen und Antworten
Fragen und Antworten
Wo sie wohnt?
Im Haus neben der Verzweiflung
Mit wem sie verwandt ist?
Mit dem Tod und der Angst
Wohin sie gehen wird
wenn sie geht?
Niemand weiß das
Von wo sie gekommen ist?
Von ganz nahe oder ganz weit
Wie lange sie bleiben wird?
Wenn du Glück hast
solange du lebst
Was sie von dir verlangt?
Nichts oder alles
Was soll das heißen?
Daß das ein und dasselbe ist
Was gibt sie dir
- oder auch mir - dafür?
Genau soviel wie sie nimmt
Sie behält nichts zurück
Hält sie dich
- oder mich - gefangen
oder gibt sie uns frei?
Es kann uns geschehen
daß sie uns Freiheit schenkt
Frei sein von ihr
ist das gut oder schlecht?
Es ist das Ärgste
was uns zustoßen kann
Was ist sie eigentlich
und wie kann man sie definieren?
Es heißt daß Gott gesagt hat
daß er sie ist

Inschrift
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
In den Himmel?
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig
In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?
In die Erde
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
In mich
und in mich
und immer tiefer
in mich

Worte
Wenn meinen Worten die Silben ausfallen
vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die
dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will
und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt
und was ich nicht verhindern kann
beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen
und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich
und sucht einen anderen
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat
was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt
und sagt zu ihm:
Komm
Und dann fliegen einigen von den müden Worten
und einige Tippfehler
die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend
über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle
Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst
durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst
und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen
oder auch flattern hören
ein wenig verfroren
und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück
daß sie wirklich bei dir sind

Vorübungen für ein Wunder
Vor dem leeren Baugrund
mit geschlossenen Augen warten
bis das alte Haus
wieder dasteht und offen ist
Die stillstehende Uhr
so lange ansehen
bis der Sekundenzeiger
sich wieder bewegt
An dich denken
bis die Liebe
zu dir
wieder glücklich sein darf
Das Wiedersehen
von Toten
ist dann
ganz einfach

Nachhall
Nun lebe ich
nicht mehr
nur einmal
Alles hallt nach
Mein Schritt hallt nach
das Klingeln im Telefon
jedes Wort
von dir
und von mir
das Auflegen deines Hörers
und das Auflegen meines Hörers
hallt nach
Das Nachdenken
wie ich
dich
zuerst sah
hallt nach
Das Aufsetzen
meines Stockes
der mir Halt gibt
hallt nach
Und alles
was ich
von diesem Nachhallen
sage
hallt nach
hallt nach
Nun lebe ich
nicht mehr
nur einmal

Gedankenfreiheit
Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an den Ausdruck
deiner Augen
beim Sprechen
Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt
dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Schoß
und an deine Augen

Einer ohne Schwefelhölzer
Alles
was tut
als hätte ich es verloren
sammelt sich heimlich
und ordnet sich
ganz von selbst
zu einem Haus
mit eingerichteten Zimmern
Es riecht schon nach Brot
in der Küche
Im warmen Bett schlägst du
wirklich du
nackt die Decke zurück
und streckst mir
zum Einzug
zwei lebende Arme entgegen

Herbst
Ich hielt ihn für ein welkes Blatt
im Aufwind
Dann auf der Hand:
ein gelber Schmetterling
Er wird nicht länger dauern
als ein Blatt
das fallen muß
in diesem großen Herbst
(und ich nicht länger
als ein gelber Falter
in deiner Liebe großer Flut
und Ebbe)
und flattert doch
und streichelt meine Hand
auf der er sich bewegt
und weiß es nicht

Notwendige Fragen
Das Gewicht
der Angst
Die Länge und Breite
der Liebe
Die Farbe
der Sehnsucht
im Schatten
und in der Sonne
Wieviel Steine
geschluckt werden müssen
als Strafe
für Glück
und wie tief
man graben muß
bis der Acker
Milch gibt und Honig

Nachtlied
Auf deine Brüste zwei Sterne
auf deine Augen zwei Küsse
in der Nacht
unter dem gleichgültigen Himmel
Auf deine Augen zwei Sterne
auf deine Brüste zwei Küsse
in der Nacht
unter den mundlosen Wolken
Unsere Küsse
und unsere Sterne müssen
wir selbst einander geben
unter wetterwendischen Himmeln
oder in einem Zimmer
eines Hauses das steht
vielleicht in einem Land
in dem wir uns wehren müssen
Doch in den Atempausen
dieses Sichtwehrens
Brüste und Augen für uns
Himmel und Sterne und Küsse

In dieser Zeit
Gegen
das alles
du
als mein Gegengewicht?
Vielleicht
wenn du wirklich
bei mir wärest
um mich zu halten
um zu liegen auf mir
in der Nacht
damit dieser Sog
mich nicht fortreißt
weil auch du
immer wieder
ankämpfst
gegen das alles
Und gegen das alles
für dich
ich
als dein Gegengewicht?
Vielleicht
wenn ich wirklich
bei dir bin
um dich zu halten

Erwägung
Ich soll das Unglück
das ich durch dich erleide
abwägen
gegen das Glück
das du mir bist
Geht das nach Tagen
und Stunden?
Mehr Wochen
der Trennung
des Kummers
des Bangseins nach dir
und um dich
als Tage des Glücks
Aber was soll das Zählen?
Ich habe dich lieb