Gedichte von Erich Fried



Die Abnehmer

Einer nimmt uns das Denken ab
Es genügt seine Schriften zu lesen
und manchmal dabei zu nicken

Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte erhalten Preise
und werden häufig zitiert

Einer nimmt uns die großen Entscheidungen ab
über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder

Wir müssen nur
auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben nehmen sie uns dann ab

Dann wieder Was keiner geglaubt haben wird was keiner gewußt haben konnte was keiner geahnt haben durfte das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte

Du liebe Zeit Da habe ich einen gehört wie er seufzte: "Du liebe Zeit!" Was heißt da "Du liebe Zeit"? "Du unliebe Zeit", muß es heißen "Du ungeliebte Zeit!" von dieser Unzeit, in der wir leben müssen. Und doch Sie ist unsere einzige Zeit Unsere Lebenszeit Und wenn wir das Leben lieben können wir nicht ganz lieblos gegen diese unsere Zeit sein Wir müssen sie ja nicht genau so lassen, wie sie uns traf

Fragen Wie groß ist dein Leben? Wie tief? Was kostet es dich? Bis wann zahlst du? Wieviel Türen hat es? Wie oft hast du ein neues begonnen? Warst du schon einmal gezwungen um es zu laufen? Wenn ja bist du rundherum gelaufen im Kreis oder hast du Einbuchtungen mitgelaufen? Was dachtest du dir dabei? Woran erkanntest du daß du ganz herum warst? Bist du mehrmals gelaufen? War das dritte Mal wie das zweite? Würdest du lieber die Strecke im Wagen fahren? oder gefahren werden? in welcher Richtung? von wem?

Herrschaftsfreiheit Zu sagen "Hier herrscht Freiheit" ist immer ein Irrtum oder auch eine Lüge: Freiheit herrscht nicht

Humorlos Die Jungen werfen zum Spaß mit Steinen nach Fröschen Die Frösche sterben im Ernst

Status quo zur Zeit des Wettrüstens Wer will daß die Welt so bleibt wie sie ist der will nicht daß sie bleibt

Verewigung Zum Versteinern stehen die Leute Schlange Wer an die Reihe kommt steigt auf das Trittbrett Er wirft sein Geldstück ein und wählt Gesteinsart und Farbe Er selbst betätigt den Hebel und hört noch ein leises Zischen Dann wälzen ihn zwei Gehilfen in die Allee Oder man stellt ihn zu Haus auf im Kreis der Familie JEDER SEIN EIGENES DENKMAL liest man im Schlangestehen Manche stehen so stramm als wäre es gar nicht mehr nötig

Antwort Zu den Steinen hat einer gesagt: seid menschlich Die Steine haben gesagt: Wir sind noch nicht hart genug

Der Richter Am Tag, an dem ich nicht mehr zweifeln muß an meinem Glauben, Vorsatz und Beschluß an dem mir alles einfach wird und klar, an dem ich sicher bin und unfehlbar, an dem ich lächelnd alten Zweifel schlichte und mich gerecht weiß und voll Strenge richte den, der nicht meine wahre Lehre ehrt - an diesem Tag bin ich zu sterben wert.

Den Herrschenden Hat es euch Herz und Augen ausgebrannt? Sind nicht mehr zehn Gerechte in dem Land? Ihr seid nicht tierisch, denn so schlägt kein Tier. Keins eurer Opfer ist so tot wie ihr.

Dialog in hundert Jahren Der eine sagt: "Wie schön das gewesen sein muß als wir noch an Pest und an Syphilis an Scharlach an Lungenschwindsuchtund an Krebs an Herzverfettung und Schlagfluß verreckten wie Tiere!" Der andere fragt ihn: "Sag was waren das, Tiere?

Angst und Zweifel Zweifle nicht an dem der dir sagt er hat Angst aber hab Angst vor dem der dir sagt er kenne keine Zweifel

Kleine Frage Glaubst du du bist noch zu klein um grosse Fragen zu stellen? Dann kriegen die Grossen dich noch klein bevor du gross genug bist

Gedichte lesen Wer von einem Gedicht seine Rettung erwartet der sollte lieber lernen Gedichte zu lesen Wer von einem Gedicht keine Rettung erwartet der sollte lieber lernen Gedichte zu lesen

Bedingung Wenn es Sinn hätte zu leben hätte es Sinn zu leben Wenn es Sinn hätte noch zu hoffen hätte es Sinn noch zu hoffen Wenn es Sinn hätte sterben zu wollen hätte es Sinn sterben zu wollen Fast alles hätte Sinn wenn es Sinn hätte

Einbürgerung weiße Hände rotes Haar blaue Augen weiße Steine rotes Blut blaue Lippen weiße Knochen roter Sand blauer Himmel

Cogito ergo non sum Ich liege auf dem Rücken und mir zugleich am Herzen im Magen und mit mir selbst in den Haaren Ich muß mich also zuerst gefressen haben mit Herz und Haaren um jetzt im Magen liegen zu können Tatsächlich fand ich unter meinen Nachrufen einen in dem es heißt: "Er verzehrte sich angesichts unserer Welt:" Daraus erhellt daß unsere Welt dabei war und als Augenzeugin die Verzehrung bestätigen kann Nun wüßte ich gerne wessen Inhalt mein Magen jetzt ist wenn ich dessen Inhalt er war jetzt sein Inhalt bin

Weltfremd Wer denkt daß die Feindesliebe unpraktisch ist der bedenkt nicht die praktischen Folgen der Folgen des Feindeshasses

Reden Zu den Menschen vom Frieden sprechen und dabei an dich denken Von der Zukunft sprechen und dabei an dich denken Vom Recht auf Leben sprechen und dabei an dich denken Von der Angst um Mitmenschen und dabei an dich denken - ist das Heuchelei oder ist das endlich die Wahrheit?

Glücksspiel Das was man sieht sieht einen so daß es einen zum Glück vielleicht blind macht für das was man sieht Das was man liest liest einen so daß es einen zum Glück vielleicht blind macht für das was man nicht liest Das was man hält für Glück das rollt und das stellt zum Unglück nicht die Frage zu wessen Glück es sie nicht gestellt hat

Frau Welt Ich bin zur Welt gekommen und bin nun endlich so weit laut zu fragen wie ich dazukomme zu ihr zu kommen Sie kommt und sagt leise: Du kommst nicht du bist schon im Gehen

Zu guter Letzt Als Kind wußte ich: Jeder Schmetterling den ich rette jede Schnecke und jede Spinne und jede Mücke jeder Ohrwurm und jeder Regenwurm wird kommen und weinen wenn ich begraben werde Einmal von mir gerettet muß keines mehr sterben Alle werden sie kommen zu meinem Begräbnis Als ich dann groß wurde erkannte ich: Das ist ein Unsinn Keines wird kommen ich überlebe sie alle Jetzt im Alter frage ich: Wenn ich sie aber rette bis ganz zuletzt kommen vielleicht doch zwei oder drei?

Der Überlebende nach Auschwitz Wünscht mir Glück zu diesem Glück daß ich lebe Was ist Leben nach soviel Tod? die Schuld der Unschuld? die Gegenschuld die wiegt so schwer wie die Schuld der Töter wie ihre Blutschuld die entschuldigte die abgewälzte Wie oft muß ich sterben dafür daß ich dort nicht gestorben bin?

Alter Schulweg Auf dieser Straße wo sie laut drohten Jahre bevor sie kamen WARTE NUR habe ich nicht gewartet Auf dieser Straße droht das Vergangene lautlos Jahre nachdem es verging WARTE NUR und ich warte

Wiederholung Sie sagen noch immer: "schon wieder" Sie sagen es bis ich verwirrt bin Schon wieder noch immer schon wieder Sie sagen schon immer noch wieder bis ich sage: "Schon wieder noch immer schon immer noch wieder" Sie wiederholen noch immer Sie sagen es bis ich es sage Sie wiederholen es Sie wiederholen es bis ich schreie: "Sie holen sie holen mich wieder" Sie wiederholen es immer so lang bis ich nur wiederhole: "Sie holen mich wieder Sie holen mich immer wieder in ihren nie wieder noch immer schon wieder Krieg" Sie wiederholen es heute und morgen und nächstens Sie lieben die Wiederholung Sie holen mich nächstens in ihren nächsten in ihren lieben ih ihren nächstenliebenden Krieg

Leben oder Leben? Irgendwo lebt es noch bis es stirbt und atmet tief aus und ein und liebt und spielt und sieht Farben und arbeitet und ruht aus und ist traurig und lustig und altert Irgendwo lebt es noch bis es stirbt Aber hier in mir ist soviel Haß gegen das Sterben gegen das Sterben meiner Großmutter und meines Vaters unter den Händen der Mörder von gestern die noch nicht tot sind und gegen mein Sterben und gegen das Sterben meiner Kinder unter den Händen der Mörder von morgen die heute schon leben daß ich nur gegen dieses Sterben kämpfe und nur dieses Sterben fühle und denke und daß ich gar nicht mehr lebe wie irgendwie noch das was lebt bis es stirbt

Kleines Beispiel Auch ungelebtes Leben geht zu Ende zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie in einer Taschenlampe die keiner benutzt Aber das hilft nicht viel: Wenn man (sagen wir einmal) diese Taschenlampe nach so- und sovielen Jahren anknipsen will kommt kein Atemzug Licht mehr heraus und wenn du sie aufmachst findest du nur deine Knochen und falls du Pech hast auch diese schon ganz zerfressen Da hättest du genau so gut leuchten können

Die Warner Wenn Leute dir sagen: "Kümmere dich nicht soviel um dich selbst" dann sieh dir die Leute an die dir das sagen: An ihnen kannst du erkennen wie das ist wenn einer sich nicht genug um sich selbst gekümmert hat

Die Gleichungen Ich verlerne was ich gelernt habe in der Schule Zukunft durch Angst ist Vergessen Leben durch Angst ist Irrsinn Vergessen durch Irrsinn ist Krieg Ich weiß noch das heißt dann Angst mal Irrsinn ist Leben Ich weiß auch noch das heißt Angst mal Vergessen ist Zukunft Aber ich weiß nicht was für eine Zukunft das ist Und was ist Angst mal Angst? Und was ist dann Friede? Wir haben als Kinder doch rechnen gelernt Wozu?

Was es ist Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Diese Leere Wie leer ist es da wo etwas war Wo w a s war? Etwas was nicht mehr da ist Und ist es nicht mehr da? Warum nicht? und wirklich nicht? Kann es nicht wieder da sein? Darf es nicht wieder da sein? Ist deshalb alles so leer? Wie groß muß gewesen sein was da war daß alles jetzt wenn es vielleicht nicht da ist oder vielleicht nicht mehr da sein wird so leer ist daß Leere in Leere übergeht oder untergeht oder ruht? Müßte Ruhe nicht eigentlich anders sein als das was leer ist und doch kalt ist obwohl das Leere nicht kalt sein kann als das was leer ist und doch noch brennt obwohl das Leere nicht brennen kann als das was leer ist und doch den Hals zuschnürt obwohl das Leere den Hals nicht zuschnüren kann Was ist es also?

Dich Dich nicht näher denken und dich nicht weiter denken dich denken wo du bist weil du dort wirklich bist Dich nicht älter denken und dich nicht jünger denken nicht größer nicht kleiner nicht hitziger und nicht kälter Dich denken und mich nach dir sehnen dich sehen wollen und dich liebhaben so wie du wirklich bist

Ohne Dich Nicht nichts ohne dich aber nicht dasselbe Nicht nichts ohne dich aber vielleicht weniger Nicht nichts aber weniger und weniger Vielleicht nicht nichts ohne dich aber nicht mehr viel

Tagtraum Ich bin so müde daß ich wenn ich durstig bin mit geschlossenen Augen die Tasse neige und trinke Denn wenn ich die Augen aufmache ist sie nicht da und ich bin zu müde um zu gehen und Tee zu kochen Ich bin so wach daß ich dich küsse und streichle und daß ich dich höre nach jedem Schluck zu dir spreche Und ich bin zu wach um die Augen zu öffnen und dich sehen zu wollen und zu sehen daß du nicht da bist

Warum Nicht du um der Liebe willen sondern um deinetwillen die Liebe (und auch um meinetwillen) nicht weil ich lieben muß sondern weil ich dich lieben muß Vielleicht weil ich bin wie ich bin aber sicher weil du bist wie du bist

Treue Es heißt: Ein gebrochenes Versprechen ist ein gesprochenes Verbrechen Aber kann nicht ein ungebrochenes Versprechen ein ungesprochenes Verbrechen sein?

Was weh tut Wenn ich dich verliere was tut mir dann weh? Nicht der Kopf nicht der Körper nicht die Arme und nicht die Beine Sie sind müde aber sie tun nicht weh oder nicht ärger als das eine Bein immer wehtut Das Atmen tut nicht weh Es ist etwas beengt aber weniger als von einer Erkältung Der Rücken tut nicht weh auch nicht der Magen die Nieren tun nicht weh und auch nicht das Herz Warum ertrage ich es dann nicht dich zu verlieren?

Meine Wahl Gesetzt ich verliere dich und habe dann zu entscheiden ob ich dich noch ein Mal sehe und ich weiß: Das nächste Mal bringst du mir zehnmal mehr Unglück und zehnmal weniger Glück Was würde ich wählen? Ich wäre sinnlos vor Glück dich wiederzusehen

Später Gedanke Meiner Unermüdlichkeit bin ich auf einmal so müde daß mir einfällt ob du ihrer nicht schon lange müde sein mußt.

Strauch mit herzförmigen Blättern (Tanka nach altjapanischer Art) Sommerregen warm: Wenn ein schwerer Tropfen fällt bebt das ganze Blatt. So bebt jedes Mal mein Herz wenn dein Name auf es fällt.

Durcheinander Sich lieben in einer Zeit in der Menschen einander töten mit immer besseren Waffen und einander verhungern lassen Und wissen daß man wenig dagegen tun kann und versuchen nicht stumpf zu werden Und doch sich lieben Sich lieben und einander verhungern lassen Sich lieben und wissen daß man wenig dagegen tun kann Sich lieben und versuchen nicht stumpf zu werden Sich lieben und mit der Zeit einander töten Und doch sich lieben mit immer besseren Waffen

Dann Wenn dein Glück kein Glück mehr ist dann kann deine Lust noch Lust sein und deine Sehnsucht ist noch deine wirkliche Sehnsucht Auch deine Liebe kann noch Liebe sein beinahe noch glückliche Liebe und dein Verstehen kann wachsen Aber dann will auch deine Traurigkeit traurig sein und deine Gedanken werden mehr und mehr deine Gedanken Du bist dann wieder du und fast zu sehr bei dir Deine Würde ist deine Würde Nur dein Glück ist kein Glück mehr

Was Ruhe bringt Ich habe immer geglaubt was Ruhe bringt ist da Glück Aber das Unglück bringt viel tiefere Ruhe Ich wache als ob ich schliefe ohne Traum Ich atme als ob ich nicht wirklich atmen müßte Ich bin müde als ob ich nur müde wäre vom Schlafen Ich soll mich drein fügen und nicht fragen warum ich das soll und ich soll nicht fragen warum ich nicht fragen soll

Aufhebung Sein Unglück ausatmen können tief ausatmen so daß man wieder einatmen kann Und vielleicht auch sein Unglück sagen können in Worten in wirklichen Worten die zusammenhängen und Sinn haben und die man selbst noch verstehen kann und die vielleicht sogar irgendwer sonst versteht oder verstehen könnte Und weinen können Das wäre schon fast wieder Glück

Kein Unterschlupf Nicht sich verstecken vor den Dingen der Zeit in die Liebe Aber auch nicht vor der Liebe in die Dinge der Zeit

Wintergarten Deinen Briefumschlag mit den zwei gelben und roten Marken habe ich eingepflanzt in den Blumentopf Ich will ihn täglich begießen dann wachsen mir deine Briefe Schöne und traurige Briefe und Briefe die nach dir riechen Ich hätte das früher tun sollen nicht erst so spät im Jahr

Aber Zuerst habe ich mich verliebt in den Glanz deiner Augen in dein Lachen in deine Lebensfreude Jetzt liebe ich auch dein Weinen und deine Lebensangst und die Hilflosigkeit in deinen Augen Aber gegen die Angst will ich dir helfen denn meine Lebensfreude ist noch immer der Glanz deiner Augen

Halten Halten dich mich zurück - den Atem an - mich an dich dich fest aber nicht dir etwas vorenthalten Halten dich in den Armen in Gedanken - im Traum - im Wachen Dich hochhalten gegen das Dunkel des Abends - der Zeit - der Angst Halten dein Haar mit zwei Fingern deine Schultern - dein Knie - deinen Fuß Sonst nichts mehr halten keinen Trumpf - keine Reden keinen Stecken und Stab und keine Münze im Mund

Drei Wünsche Ich wollte manchmal ich wäre so erfahren, wie ich alt bin oder auch nur so klug, wie ich erfahren bin oder wenigstens so glücklich, wie ich klug bin aber ich glaube ich bin zu dumm dazu

An Dich denken An Dich denken und unglücklich sein? Wieso? Denken können ist doch kein Unglück und denken können an Dich: an Dich wie Du bist an Dich wie Du Dich bewegst an Deine Stimme an Deine Augen an Dich wie es Dich gibt -- wo bleibt da für wirkliches Unglück (wie ich es kenne und wie es mich kennt) noch der Raum oder die Enge?

Nachtgedicht Dich bedecken nicht mit Küssen nur einfach mit Deiner Decke (die Dir von der Schulter geglitten ist) daß Du im Schlaf nicht frierst Später wenn Du erwacht bist das Fenster zumachen und Dich umarmen und Dich bedecken mit Küssen und Dich entdecken

Trennung Der erste Tag war leicht der zweite Tag war schwerer Der dritte Tag war schwerer als der zweite Von Tag zu Tag schwerer: Der siebente Tag war so schwer daß es schien er sei nicht zu ertragen Nach diesem siebenten Tag sehne ich mich schon zurück

Grenze der Verzweiflung Ich habe Dich so lieb daß ich nicht mehr weiß ob ich Dich so lieb habe oder ob ich mich fürchte ob ich mich fürchte zu sehen was ohne Dich von meinem Leben noch am Leben bliebe Wozu mich noch waschen wozu noch gesund werden wollen wozu noch neugierig sein wozu noch schreiben wozu noch helfen wollen wozu aus den Strähnen von Lügen und Greueln noch Wahrheit ausstrählen ohne Dich Vielleicht doch weil es Dich gibt und weil es noch Menschen wie Du geben wird und das auch ohne mich

Aber wieder Aber du bist wiedergekommen Du bist wieder gekommen Du du bist du bist wieder Ich bin wieder weil du bist Du bist gekommen du wieder und immer wieder wieder du Du du du und ich immer wieder und wieder

Eifriger Frost Meine Sonne ist scheinen gegangen in deinem Himmel Mir bleibt der Mond den ruf ich aus allen Wolken Er will mich trösten Sein Licht sei wärmer und heller Nicht gelb verfärbt daß man nur noch denkt ans Erkalten Sonne komm wieder! Der Mond ist zu hell und zu heiß für mich!

Fester Vorsatz Denn wir wollen uns nicht nur herzen sondern auch munden und hauten und haaren und armen und brüsten und bauchen und geschlechten und wieder handen und fußen

Ungewiß Aus dem Leben bin ich in die Gedichte gegangen Aus den Gedichten bin ich ins Leben gegangen Welcher Weg wird am Ende besser gewesen sein?

Das Herz in Wirklichkeit Das Herz das gesagt hat "Laß dir nicht bang sein um mich" friert und ist bang um die der es das gesagt hat

Ein Versuch Ich habe versucht zu versuchen während ich arbeiten muß an meine Arbeit zu denken und nicht an dich Und ich bin glücklich daß der Versuch nicht geglückt ist.

An eine Nervensäge Mit deinen Problemen heißt es bist du eine Nervensäge Ich liebe die Spitze und Schneide von jedem Zahn dieser Säge und ihr blankes Sägeblatt und auch ihren runden Griff

Vielleicht Erinnern das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual

Nur nicht Das Leben wäre vielleicht einfacher wenn ich dich gar nicht getroffen hätte Weniger Trauer jedes Mal wenn wir uns trennen müssen weniger Angst vor der nächsten und übernächsten Trennung Und auch nicht soviel von dieser machtlosen Sehnsucht wenn du nicht da bist die nur das Unmögliche will und das sofort im nächsten Augenblick und die dann weil es nicht sein kann betroffen ist und schwer atmet Das Leben wäre vielleicht einfacher wenn ich dich nicht getroffen hätte Es wäre nur nicht mein Leben

Fragen und Antworten Fragen und Antworten Wo sie wohnt? Im Haus neben der Verzweiflung Mit wem sie verwandt ist? Mit dem Tod und der Angst Wohin sie gehen wird wenn sie geht? Niemand weiß das Von wo sie gekommen ist? Von ganz nahe oder ganz weit Wie lange sie bleiben wird? Wenn du Glück hast solange du lebst Was sie von dir verlangt? Nichts oder alles Was soll das heißen? Daß das ein und dasselbe ist Was gibt sie dir - oder auch mir - dafür? Genau soviel wie sie nimmt Sie behält nichts zurück Hält sie dich - oder mich - gefangen oder gibt sie uns frei? Es kann uns geschehen daß sie uns Freiheit schenkt Frei sein von ihr ist das gut oder schlecht? Es ist das Ärgste was uns zustoßen kann Was ist sie eigentlich und wie kann man sie definieren? Es heißt daß Gott gesagt hat daß er sie ist

Inschrift Sag in was schneide ich deinen Namen? In den Himmel? Der ist zu hoch In die Wolken? Die sind zu flüchtig In den Baum der gefällt und verbrannt wird? Ins Wasser das alles fortschwemmt? In die Erde die man zertritt und in der nur die Toten liegen? Sag in was schneide ich deinen Namen? In mich und in mich und immer tiefer in mich

Worte Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen wenn ich einschlafen will und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer um das was geschieht in der Welt und was ich nicht verhindern kann beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat was er nicht schlucken konnte doch jetzt sich umsieht und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm: Komm Und dann fliegen einigen von den müden Worten und einige Tippfehler die über sich selber lachen mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge immer wieder hinüber zur selben Stelle Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren und immer ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir sind

Vorübungen für ein Wunder Vor dem leeren Baugrund mit geschlossenen Augen warten bis das alte Haus wieder dasteht und offen ist Die stillstehende Uhr so lange ansehen bis der Sekundenzeiger sich wieder bewegt An dich denken bis die Liebe zu dir wieder glücklich sein darf Das Wiedersehen von Toten ist dann ganz einfach

Nachhall Nun lebe ich nicht mehr nur einmal Alles hallt nach Mein Schritt hallt nach das Klingeln im Telefon jedes Wort von dir und von mir das Auflegen deines Hörers und das Auflegen meines Hörers hallt nach Das Nachdenken wie ich dich zuerst sah hallt nach Das Aufsetzen meines Stockes der mir Halt gibt hallt nach Und alles was ich von diesem Nachhallen sage hallt nach hallt nach Nun lebe ich nicht mehr nur einmal

Gedankenfreiheit Wenn ich an deinen Mund denke wie du mir etwas erzählst dann denke ich an deine Worte und an deine Gedanken und an den Ausdruck deiner Augen beim Sprechen Aber wenn ich an deinen Mund denke wie er an meinem Mund liegt dann denke ich an deinen Mund und an deinen Mund und an deinen Mund und an deinen Schoß und an deine Augen

Einer ohne Schwefelhölzer Alles was tut als hätte ich es verloren sammelt sich heimlich und ordnet sich ganz von selbst zu einem Haus mit eingerichteten Zimmern Es riecht schon nach Brot in der Küche Im warmen Bett schlägst du wirklich du nackt die Decke zurück und streckst mir zum Einzug zwei lebende Arme entgegen

Herbst Ich hielt ihn für ein welkes Blatt im Aufwind Dann auf der Hand: ein gelber Schmetterling Er wird nicht länger dauern als ein Blatt das fallen muß in diesem großen Herbst (und ich nicht länger als ein gelber Falter in deiner Liebe großer Flut und Ebbe) und flattert doch und streichelt meine Hand auf der er sich bewegt und weiß es nicht

Notwendige Fragen Das Gewicht der Angst Die Länge und Breite der Liebe Die Farbe der Sehnsucht im Schatten und in der Sonne Wieviel Steine geschluckt werden müssen als Strafe für Glück und wie tief man graben muß bis der Acker Milch gibt und Honig

Nachtlied Auf deine Brüste zwei Sterne auf deine Augen zwei Küsse in der Nacht unter dem gleichgültigen Himmel Auf deine Augen zwei Sterne auf deine Brüste zwei Küsse in der Nacht unter den mundlosen Wolken Unsere Küsse und unsere Sterne müssen wir selbst einander geben unter wetterwendischen Himmeln oder in einem Zimmer eines Hauses das steht vielleicht in einem Land in dem wir uns wehren müssen Doch in den Atempausen dieses Sichtwehrens Brüste und Augen für uns Himmel und Sterne und Küsse

In dieser Zeit Gegen das alles du als mein Gegengewicht? Vielleicht wenn du wirklich bei mir wärest um mich zu halten um zu liegen auf mir in der Nacht damit dieser Sog mich nicht fortreißt weil auch du immer wieder ankämpfst gegen das alles Und gegen das alles für dich ich als dein Gegengewicht? Vielleicht wenn ich wirklich bei dir bin um dich zu halten

Erwägung Ich soll das Unglück das ich durch dich erleide abwägen gegen das Glück das du mir bist Geht das nach Tagen und Stunden? Mehr Wochen der Trennung des Kummers des Bangseins nach dir und um dich als Tage des Glücks Aber was soll das Zählen? Ich habe dich lieb